Hervorgehoben

FSK-Workshop

Wir sind langjährige Aktive des Freien Sender Kombinats und haben vor kurzem die Initiative zu Workshops innerhalb des FSK ergriffen, um einen Beitrag zur Entwicklung einer dringend notwendigen inhaltlichen Arbeit zu leisten. Sie ist nicht nur unverzichtbar, um den Prozess einer Selbstverständigung der am Sender Beteiligten zu stärken oder erst wieder in Gang zu bringen. Sie ist ebenso erforderlich, um Blockaden zu überwinden, die das FSK seit geraumer Zeit lähmen. Die Workshop-Organisator*innen sind aus unterschiedlichen Redaktionen und Sendungen des FSK wie z.B. agoRadio, Das Nachmittagsmagazin für subversive Unternehmungen am Freitag, Das spekulative Ohr, Difficult Music oder Quergelesen.

Wir laden alle am Sender Beteiligten und Interessierten dazu ein, in die Diskussion einzutreten und gemeinsam neue Perspektiven für das FSK zu erarbeiten. Auf diesem Blog möchten wir vergangene Beiträge dokumentieren und kommende Workshops vorstellen.

 

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Öffentlichkeit und »Freies Radio« (Einladung FSK-Workshop #1)

FSK-Workshop-1
Einladung zu einem ersten Workshop im Freien Sender Kombinat
Freitag, 21. September 2018, 19:30 Uhr, FSK

Als Radioprojekt bewegt sich das FSK im öffentlichen Raum. Doch was ist das überhaupt – „Öffentli­chkeit“? Und gibt es etwa die „eine“ und dann zumeist als „bürgerlich“ etikettierte Öffentlichkeit, der Wider­stand entgegengesetzt werden müsste, etwa in Form einer „Gegenöffentlich­keit“? Solche Fragen sind nicht etwa akademischer Natur. Von ihnen hängen nicht zuletzt Perspektiven und weitere Entwicklungen des FSK ab. Wir haben vor kurzem die Initiative zu Workshops innerhalb des FSK ergriffen, um einen Beitrag zur Entwicklung einer dringend notwendigen inhaltlichen Ar­beit zu leisten. Sie ist nicht nur unver­zichtbar, um den Prozess einer Selbstverständigung der am Sender Beteiligten zu stärken oder erst wieder in Gang zu bringen. Sie ist ebenso erforderlich, um Blockaden zu überwinden, die das FSK seit geraumer Zeit lähmen.

Die Frage nach der Öffentlichkeit oder den vielen Öffentlichkeiten, in de­nen sich das FSK bewegt, schien uns ein geeigneter Einstieg in diese Auseinandersetzung zu sein. Wir laden alle am Sender Beteiligten dazu ein, in die Diskussion einzutreten und gemeinsam neue Perspektiven für das FSK zu erar­beiten. Wir werden versuchen, die ge­meinsame Diskussion durch drei „Im­pulsreferate“ zu eröffnen.

Strukturwandel der Öffentlichkeit
(Hans ­Joachim Lenger)
Ausgehend von dem prägenden Buch von Jürgen Habermas soll die Frage auf­ geworfen werden, ob die sogenannte Öffentlichkeit nicht von Anfang an in vielfache Öffentlichkeiten zerfiel. Ihre Heterogenität dürfte zum einen mit Klassendifferenzen und sozialen und politischen Kämpfen, zum andern aber mit den medientechnologischen Rev­olutionen zu tun haben, von denen die vergangenen zwei Jahrhunderte geprägt waren. Sie brachten nicht nur Öffentlich­keit hervor, sondern ließen sie in ebenso viele unterschiedliche Öffentlichkeit­ en zerfallen: Presse, Kunst, Literatur, Rundfunk, Film, Fernsehen und Internet richten sich an unterschiedliche Sinne und schaffen unterschiedliche Kulturen – auch des Körpers. Sie erzeugen ein dif­ferentes Gefüge von Wahrnehmungswei­sen und Realitätszugängen, die keinem homogenen Begriff von „Öffentlichkeit“ gehorchen. Von hier aus sollen Thesen zu den Aufgaben eines „freien“ Radi­os unter aktuellen medienpolitischen Bedingungen entwickelt werden, die zur Diskussion einladen.

Transformationen des »freien Radios«
(Julian Einfeldt)
Das „freie Radio“ hat selbst eine Geschichte. Aus mitunter illegalen Aktionsformen von Piratensendungen stammend, ist es in die öffentlichen Strukturen integriert worden und spielt mittlerweile eine ebenso umstrittene, mitunter umkämpfte Rolle. Die Gründ­ung des FSK vor etwa 20 Jahren erfolgte in einer politischen und medientechnol­ogischen Situation, die von der heutigen deutlich verschieden war. Das Internet und die ihm spezifischen Techniken einer Zirkulation von Informationen, Meinungen und Kampagnen erzielt un­ gleich höhere Geschwindigkeiten als das Radio. Rundfunk ist eine, daran ge­ messen, anachronistische Technologie. Das bedeutet weder, dass er überflüssig noch bedeutungslos ist. Allerdings muss er sich, um seine Qualitäten ausspielen zu können, auf seine eigenen Stärken besinnen und Techniken einer Inter­vention in unterschiedlichen medialen Gefügen entwickeln, die er reflektiert, mit denen er korrespondiert und Bezie­hungen unterhält, die möglichst große politische Wirkung entfalten können.

Interventionen und Versagen des FSK
(N.N.)
Um exemplarisch bestehende Schwä­chen des FSK diskutieren zu können, schlagen wir vor, die Rolle des Senders bei den G20­ Konflikten in Hamburg zu thematisieren. Seine Aufgabe, Informa­tionen und Positionen zu bündeln, die in eine weitgehend gleichgeschaltete Medienkonstellation hätten einwirken können, ist der Sender in keiner Weise gerecht geworden. Hier artikulierte sich wie in einem Brennpunkt ein Versagen, das sich in weniger zugespitzter Form im alltäglichen Sendebetrieb wiederholt. In welchen inhaltlichen und organisa­torischen Formen kann das FSK Konse­quenzen aus seinem Versagen ziehen? Wie lassen sich die heterogenen Send­ungen unterschiedlicher Redaktionen und Einzelpersonen aufeinander bez­iehen, ohne an ihrer Eigenständigkeit zu verlieren, gleichwohl aber das FSK strukturell zu einer Instanz zu machen, die zu einer unverzichtbaren Stimme in Hamburg wird?


Der Workshop, zu dem wir einladen, soll der erste einer Reihe sein. Es gibt bereits einige Vorschläge zu künftigen Themen, die bei dem Treffen am 21. September 2018 diskutiert, erweitert und dann verbindlich gemacht werden können.

Öffentlichkeit und „freie Radios“

Von Hans-Joachim Lenger (Vortrag auf dem FSK-Workshop #1 am 21.09.2018)

Ich will mit einem Zitat beginnen. Es stammt aus einer kleinen Aufsatzsammlung, die vor kurzem bei Merve in Berlin erschienen ist und Texte des französischen Psychoanalytikers, Philosophen und politischen Aktivisten Félix Guattari enthält. Ihr Titel: Planetarischer Kapitalismus. Von einigen wenigen Sätzen ausgehend, die ich diesem Band entlehne, will ich versuchen, Motive des „Marginalen“ aufzunehmen und Anmerkungen zum Begriff der Öffentlichkeit zu machen, um von hier aus Fragen zu thematisieren, die auch das FSK betreffen könnten. Wir werden sehen, wie weit wir damit kommen. Bei Guattari jedenfalls lesen wir:

„Es ist unmöglich, eine klare und definitive Trennlinie zwischen der vereinnahmbaren Marginalität und den anderen Typen der Marginalität, die den Weg der wirklichen ‚molekularen Revolutionen’ einschlagen, zu ziehen. Die Grenzen bleiben hier in Raum und Zeit tatsächlich unscharf und fließend. Es geht letzten Endes darum, ob es sich um ein Phänomen handelt, das ‚am Rande’ des Sozius (ganz gleich in welchem Umfang) bleibt, oder aber um eines, das ihn grundsätzlich in Frage stellt. Was hier das ‚Molekulare’ kennzeichnet, ist die Tatsache, dass die Fluchtlinien sich mit den objektiven Linien der Deterritorialisierung des Systems verbinden und ein unumkehrbares Streben nach neuen Räumen der Freiheit auslösen. (Beispiel für eine solche Fluchtlinie: die freien Radios. Die technologische Entwicklung, insbesondere die Verkleinerung der Sender und die Tatsache, dass sie von Amateuren ‚gebastelt’ werden können, trifft hier auf ein kollektives Streben nach einem neuen Ausdrucksmittel.“ (1)

Nun, Guattaris Begriff des „Molekularen“ kann ich heute nur streifen. Vielleicht wäre es sinnvoll, ihn in einem der Workshops genauer zu problematisieren, die in Zukunft stattfinden sollen. Heute aber werde ich mich auf das konzentrieren, was Guattari mit seinem Hinweis auf die „technologische Entwicklung“ anspricht, die Tatsache der Miniaturisierung im Zeichen digitaler Schaltungen also und die Möglichkeit, Sendeanlagen zu „basteln“. Denn was bedeutet eine solche „Bastelei“ für unsere Gegenwart und für die Aufgaben, vor denen „freie Radios“ wie das FSK stehen? Welche Relevanz kann eine solche „Bastelei“ für eine Radiopraxis haben, die – mit Vorsicht ausgesprochen – „subversive“ Wirkungen freisetzen könnte?

Technologische Fragen jedenfalls korrespondieren aufs engste mit dem Begriff der Öffentlichkeit. Denn Medientechniken stellen Öffentlichkeiten erst her – auch ein Radiosender ist zunächst ein technisches Medium, das sich in der Öffentlichkeit bewegt, Öffentlichkeit erzeugt und selbst öffentlichen Charakter trägt. Fatalerweise ist dies im FSK in den vergangenen Monaten, vielleicht sogar Jahren in den Hintergrund getreten. Es scheint, als habe sich das FSK stattdessen in einer Art Selbstbezüglichkeit Einzelner verloren, als habe es sich vehement vom Öffentlichen zurückgezogen, in gewisser Weise privatisiert, dabei notwendig zersplittert und ginge selbst in einer egozentrischen Nabelschau einzelner auf, die mit quälenden internen Blockaden einhergeht. Umso mehr aber müssten Fragen der Öffentlichkeit und einer öffentlichen Wirkung des Senders wieder in den Vordergrund treten, müsste man ihn als Medium erneut auf seinen eigenen Begriff bringen. Und das heißt: vom „Außen“ auszugehen, nicht von der je eigenen Befindlichkeit, und dieses Medium öffentlich wirksam werden lassen, indem man es in eine offensive Sendepraxis zurückführt.

Zurück aber zunächst zu einigen technischen Fragen. Selbst ein Theoretiker wie Jürgen Habermas musste sie zumindest streifen, wenn er in seinem Buch über den Strukturwandel der Öffentlichkeit von 1962 schreibt: „Der Prozess, in dem die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit vom Publikum der räsonnierenden Privatleute angeeignet und als eine Sphäre der Kritik an der öffentlichen Gewalt etabliert wird, vollzieht sich als Umfunktionierung der schon mit Einrichtungen des Publikums und Plattformen der Diskussion ausgestatteten literarischen Öffentlichkeit. Durch diese vermittelt, geht der Erfahrungszusammenhang der publikumsbezogenen Privatheit auch in die politische Öffentlichkeit ein.“ (2) Die technischen Plattformen dieser literarischen Öffentlichkeit aber waren im ausgehenden 18. Jahrhundert Zeitschriften und eine beginnende Presse, das Medium dieser Öffentlichkeit also allemal Schrift, Schreiben und Druckwerk. In dem, was heute „Feuilleton“ heißt, haben sich letzte Spuren dieser Konstellation noch erhalten. Noch im 19. Jahrhundert war das Feuilleton nicht so sehr der Ort für Buchbesprechungen und Konzertkritiken wie heute, sondern bot Platz für ein öffentliches Räsonnement, das alle kulturellen und politischen Bereiche durchquerte und ein lesendes Publikum zur bürgerlichen Öffentlichkeit erst formte. Heute sind solche Elemente natürlich nur noch vereinzelt zu finden, und verfolgt man die Schicksale des Feuilletons in heutigen Print- und elektronischen Medien, so befinden sie sich allemal auf einem ökonomisch und medienpolitisch erzwungenen Rückzug.

Dessen ungeachtet blieb ein aufs Schreiben, auf Zeitschrift und Presse eingeengter Begriff von Öffentlichkeit bis heute vorherrschend. Vielleicht lässt er sich wie in einer Momentaufnahme in den späten 60er Jahre studieren, als sich eine Revolte gegen die BILD-Zeitung kehrte und an ihr exemplarisch den Kollaps einer auf alphaphonetischer Schrift beruhenden Öffentlichkeit angriff. „Enteignet Springer“ also – denn längst gab sich diese Medialität einer Presse nicht mehr als Sphäre öffentlichen Räsonnements im bürgerlichen Sinne, sondern als offener Pogrom zu erkennen. Definitiv hatte sich das utopische Versprechen einer bürgerlichen Öffentlichkeit hier längst in sein Gegenteil verkehrt. Insofern wäre die Annahme nicht einmal verfehlt, dass sich in den damaligen Konflikten um den Springer-Konzern ein mehrfacher Abgesang auf jene technischen Medialitäten wiederholte, auf denen der Begriff einer bürgerlichen Öffentlichkeit als Druckschrift einst basierte. Hans-Jürgen Krahl, wohl wichtigster Theoretiker des damaligen SDS, hat nicht von ungefähr über die Revolte als die „Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums“ gesprochen. Was hier nämlich starb, war eine an literarischer Medialität gebildete Subjektivität.

Sieht man von vereinzelten Reflexionen, etwa denen Hans Magnus Enzensbergers, ab, vergaßen die Revoltierenden der 60er Jahre bei all dem jedoch die vielen medientechnischen Revolutionen, die sich im 19. Jahrhundert bereits angekündigt und im 20. Jahrhundert durchgesetzt hatten. Ohne die prägende Macht von Organen wie der BILD-Zeitung zu unterschätzen, hatten diese Revolutionen längst eine Vielheit von Öffentlichkeiten entstehen lassen, die sich auf einen tradierten Schriftbegriff nicht mehr stützten und das Pressewesen mittlerweile selbst krisenhaft erodieren ließen. Die Rede ist hier natürlich von elektronischen Medien, Radio, Fernsehen und schließlich dem Internet, deren technische Voraussetzungen im 19. Jahrhunderts geschaffen wurden und im 20. Ihren Siegeszug antraten – doch dazu später.

Zuvor nämlich wäre der Schriftbegriff selbst zu befragen, von dem auch ich bislang einigermaßen sorglos Gebrauch machte. Denn was erlaubt es, ihn auf das gedruckte Wort zu reduzieren? Meldet sich in Begriffen wie Tele-Grafie, Phono-Grafie, Foto-Grafie oder Kinemato-Grafie nicht beständig an, dass man es auch bei diesen technischen Medien mit einer „Grafie“ zu tun hat, die auf das griechische Wort gráphein, also auf ein Schreiben und die Schrift, zurückverweist? Und gerät ein Diskurs, der sich auf die alphaphonetische Schrift reduziert, wie sie Druckwerken eignet, deshalb nicht in eine bestimmte Falle? Fällt er nicht immer neu in Begriffe einer bürgerlichen Öffentlichkeit zurück, die sich einst als alphaphonetische Schriftkultur etablierte und deren Zerfall auch Habermas bereits für das 19. Jahrhundert nachzeichnet? Anders gefragt: artikuliert sich im vielfachen Auftauchen einer technischen „Grafie“ nur eine terminologische Verlegenheit, ein bloßer Zufall, oder signalisiert sich hier nicht vielmehr die Notwendigkeit, den Schriftbegriff aus seiner alphaphonetischen Umklammerung zu befreien, wie sie Druckerzeugnisse und bürgerliche Öffentlichkeiten definiert? Kurz: ginge es nicht darum, den „allgemeinen“ Begriff einer Graphematik ins Auge zu fassen, der umso tiefer in das Wesen des Medialen und seiner Heterogenitäten vordringen könnte? Ich werde darauf zurückkommen.

Vielleicht ist hier aber zunächst ein kurzer Hinweis auf medientheoretische Entwicklungen sinnvoll. Die Interventionen, die nicht zuletzt auf Marshall McLuhan zurückgehen, haben seit den 50er Jahren auch theoretisch Öffnungen geschlagen, hinter die nicht zurückgefallen werden dürfte. Nicht nur befreite McLuhan Begriffe des Medialen – und damit des Öffentlichen – aus ihrer Gefangenschaft in dem „einen“ Medium des alphaphonetisch Geschriebenen, also einer Buch- und Zeitschriftenkultur. Mehr noch lud er damit zugleich dazu ein, den Begriff der „einen“ Öffentlichkeit, die sich auf der Basis des Gedruckten erhob, aufzulösen und selbst als bürgerliches Phantasma durchschaubar zu machen. In seinem Buch Die magischen Kanäle. Understanding Media jedenfalls sieht sich der Medienbegriff auf elementare Weise geöffnet, um nicht zu sagen: „zersprengt“. McLuhan behandelt hier technische Strukturen, die gemeinhin gar nicht als „Medien“ adressiert werden. Nicht also nur das gesprochene Wort und das geschriebene Wort, sondern ebenso die Straßen und Nachrichtenwege, Kleidung, Wohnen, Geld, Uhren, den Druck, die Comics, das gedruckte Wort, Rad, Fahrrad und Flugzeug, die Fotografie, die Presse, das Auto, die Werbung, Spiel und Sport, die Telegrafie, die Schreibmaschine, das Telefon, das Grammophon, das Kino, das Radio, das Fernsehen, Waffen und Automaten.

All dies nämlich sind Medien, denn sie stellen Beziehungen „zwischen“ den Individuen her. Technisch-medial überbrücken sie den Abstand, der sie trennt, und stellen damit Verbindungen her, in denen sich die vielfachen Öffentlichkeiten eines Sozius formen. Die heterogenen Formen jedenfalls, in denen dies jeweils geschieht, machen jede Vorstellung eines einheitlichen Sozius, einer homogenen Öffentlichkeit obsolet. Viel eher wölbt sich das Phantasma der „einen“ Öffentlichkeit wie ein spätbürgerliches Herrschaftsprogramm über die Vielheiten, Korpuskel, heterogenen Regionalitäten diverser Öffentlichkeiten, die beständig ineinandergreifen, sich überschneiden und ineinander zirkulieren, ohne deshalb eine geschlossene Ganzheit zu bilden. Und dies ist ebenso in medialen Technologien begründet.

Nicht weniger entscheidend dürfte nämlich eine zweite Einsicht McLuhans sein, und ich greife sie hier auf, weil sie auch Anschlüsse an das erlauben könnte, was ich eingangs bei Guattari zitierte. Diese Einsicht lautet: „Der Inhalt eines Mediums ist stets ein anderes Medium“. So zitiert die alphaphonetische Schrift das gesprochene Wort ebenso wie das Bild. So enthält der Film die Musik, die mündliche Sprache, das Bild und das Theater, die CD den Konzertsaal oder der Rundfunk alle Medien, die sich irgend hörbar machen lassen. So hat das Geld das Kapital zu seinem Inhalt und umgekehrt, die neuen Überwachungstechnologien der LKW-Maut den Straßenverkehr, das Steuersystem und die Verkehrspolitik, und im Computer schließlich findet diese Logik ihren abschließenden Ausdruck. Denn der Computer ist in sich selbst kein „eigenes“ Medium mehr. Er ist jene „universelle Maschine“, die jedes andere Medium simulieren kann – das Tonstudio etwa, die Filmkamera, die Schreibmaschine, das Telefon oder die Post, doch ebenso die Maschine im industriellen Produktionsprozess, die Geldzirkulation auf globaler Ebene oder auch die Überwachungs- und Kontrollfunktionen der Polizei, die öffentliche Räume ebenso übergreifen wie die Intimsphären der Einzelnen.

Vielfach und zumeist irreführend werden mit der Hegemonie digitaler Mediensysteme und von ihnen generierter Öffentlichkeiten zugleich Begriffe mobilisiert, die für große Verwirrung gesorgt haben. Es sind dies Begriffe des „Virtuellen“ und „virtueller Welten“. Tatsächlich unterliegen die vielfachen Öffentlichkeiten, mit denen wir es heute zu tun haben, gewaltigen Schüben einer gewissen Virtualisierung. Wo Welt erscheint, da erscheint sie medial. Medien, heißt das, reflektieren immer weniger „über“ Wirklichkeiten. Vor allem stellen sie her, was als „Wirklichkeit“ erscheint. Und dies haben die reaktionären Kräfte besser zu nutzen gewusst als die „linken“. Kurt Biedenkopf etwa, früher Generalsekretär der CDU und später sächsischer Ministerpräsident, veröffentlichte in den 70er Jahren einen bemerkenswerten Aufsatz, in dem er diese Virtualisierung zu Strategien einer Machtergreifung zuspitzte. „Sprache“, so schrieb Biedenkopf, „ist also nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Wie die Auseinandersetzung mit der Linken zeigt, ist Sprache auch ein wichtiges Mittel der Strategie. Was sich heute in unserem Land vollzieht, ist eine Revolution neuer Art. Es ist die Revolution der Gesellschaft durch die Sprache. Die gewaltsame Besetzung der Zitadellen staatlicher Macht ist nicht länger Voraussetzung für eine revolutionäre Umwälzung der staatlichen Ordnung. Revolutionen finden heute auf andere Weise statt.“ (3) Denn früher, so schrieb er, wurden Revolutionen eingeleitet, indem Kasernen, Rundfunksender, Bahnhöfe und Telefonzentralen besetzt wurden. Heute würden solche Revolutionen durch die Besetzung von Begriffen und Vorstellungen in Szene gesetzt, also medial. Was wir in den vergangenen Jahrzehnten medienpolitisch erlebt haben, könnte tatsächlich wie eine Realisierung dieser Strategien einer Gegenrevolution erscheinen, an deren vorläufigem Ende heute ein Revival des Rechtsradikalismus und vielfacher Faschismen steht.

Fast widerstandslos jedenfalls ging seit den 70er Jahren und im Zuge einer Durchsetzung ultraliberaler ökonomischer Regimes auch eine techno-politische Formierung vielfacher Medienverbundsysteme vor sich, mit denen Öffentlichkeiten im Zeichen herrschaftlich gesättigter Trugbilder neu geformt wurden, und zwar medial. Die Einführung des Privatfernsehens, die Verwandlung des Internets in eine gewaltige Verkaufsplattform, die Transformation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens in formatierte Programm-Generatoren, die den Alltag mit akustischen Klangtapeten, Bildern eines ultramodernen Lifestyles oder idiotischen Shows ausstatten, oder die Miniaturisierung der Kommunikation in Handys, die ihren Benutzern zum Fetisch eines Eintritts in vermeintlich transzendente Welten der Simulation wurden, senkten sich tief in die körperliche und geistige Verfassung der Unterworfenen und ihrer Affekte ein. Medien wurden zu mächtigen Instrumenten der Kontrolle und Selbstkontrolle, und zugleich erlaubte sie es, alle Begriffe des Öffentlichen, des Politischen und Kulturellen tiefgreifend zu verschieben. War der Begriff der „Reform“ beispielsweise in den 70er Jahren noch ein Versprechen, so mutierte er in den 80er Jahren zur Drohung. Besaßen Termini wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ zuvor noch ein kritisches Potential, so verwandelten sie sich in Programmslogans von Kriegen, die ganze Weltgegenden destabilisierten und eine neue Weltordnung mit blutigem Antlitz herstellen halfen. All dies vollzog sich in Öffentlichkeiten, die von Medienverbundsystemen seditiert, um den Verstand gebracht und neu geformt wurden. Unablässig drangen ihre „Mächte eines Virtuellen“ in die Poren dieser Öffentlichkeiten ein, entwaffneten sie und unterwarfen sie der Logik vehementer Konkurrenz- und Deklassierungsprozesse. Unablässig durchqueren sie seither die Mikrologien des Alltagslebens und unterwerfen es dem Regime von Trugbildern, die ihren Benutzern versprechen, auf der Höhe einer Zeit zu sein, die ihre Selbstunterwerfung umso massiver in Szene setzt.

Félix Guattari hat in seinem eingangs erwähnten Büchlein vier technisch-ökonomische oder auch mediale Zusammenhänge kartographiert, die er „Agencements“ nennt. Das erste dieser „Agencements“, schreibt er, sind die „kapitalistischen Machtformationen, die ein Kapital zur Aufrechterhaltung der Ordnung erwirtschaften“; das zweite „die maschinischen Agencements, die mit den Produktivkräften zusammenhängen und konstitutiv für das fixe Kapital sind (Maschine, Fabrik, Transport, Rohstoffreserve, Kapital an technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen, maschinische Steuerungstechniken, Ausbildungsinstrumente, Laboratorien usw.)“; das dritte sind „die Gesamtarbeitskraft und alle von der kapitalistischen Macht unterworfenen gesellschaftlichen Beziehungen“; und das vierte ist „das Netz von Einrichtungen, von staatlichen und parastaatlichen Apparaten der Macht und der Medien. Dieses Netz, das sich ebenso im mikrosozialen Maßstab wie im planetarischen Maßstab verzweigt, ist zu einem wesentlichen Teil des Kapitals geworden. Im Verhältnis zu den drei vorangegangenen Komponenten ermöglicht dieses Netz das Extrahieren und Integrieren von Kapitalisierungen der Macht in einem bestimmten Sektor.“ (4)

Medien sind insofern nichts, was einem Marx`schen „Überbau“ zugeordnet werden könnte – und dies ebenso wenig, wie die „Öffentlichkeiten“, die sie erzeugen, einen solchen „Überbau“ darstellen. Medien gehören vielmehr selbst zum produktiven Korpus ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Wirklichkeiten. Sie stellen Techniken dar, die diese Wirklichkeiten von Produktion und Aneignung ebenso wie öffentliche Segmente hervorbringen wie allgegenwärtig durchdringen – als gesprochenes und geschriebenes Wort, als Straßensysteme und Nachrichtenwege, als Kleidung, Wohnen, Geld, Uhren, als Druck, als Comic, Fahrrad und Flugzeug, als Fotografie, Presse, als Auto, Werbung, Spiel und Sport, als Telegrafie, Schreibmaschine, Telefon, als Grammophon, Kino, Radio, Fernsehen, als Waffen und Automaten, nicht zuletzt aber als digitale Netzstruktur, die den Globus überspannt und zugleich tief in die Intimitäten des Mikrologischen eindringt. Ihre Macht beziehen Medien aus der Durchschlagskraft, mit der sie sich immer andere Medien als ihren Inhalt anverwandeln und damit ein geschlossenes System des Kapitals herzustellen suchen, das sich in vielfache Öffentlichkeiten aufspreizt, die vom Kapital als ihrem „semiotischen Operator“ durchdrungen werden, wie Guattari schreibt.

Aber so sehr Medien damit Gewalten einer beständigen Reterritorialisierung darstellen, so sehr setzen sie zugleich unausgesetzt Deterritorialisierungen frei. Denn so sehr sie die Beziehungen der gesellschaftlich Einzelnen zu okkupieren suchen, das „Zwischen“ auszufüllen und zu reglementieren trachten, das immer neu unter ihnen aufreißt, so wenig werden technische Instrumente dieses „Zwischen“ doch Herr. Jede technische Schaltung lässt sich anders verschalten und in Relationen versetzen, die das geschlossene Territorium porös werden und möglicherweise aufreißen lassen. Und hier käme der Begriff eines anderen „Virtuellen“ zum Zuge, das sich den Verfügungen hegemonialer Medienmächte entziehen könnte. So zumindest ließe sich Guattari auch verstehen, wenn er schrieb: „Die technologische Entwicklung, insbesondere die Verkleinerung der Sender und die Tatsache, dass sie von Amateuren ‚gebastelt’ werden können, trifft hier auf ein kollektives Streben nach einem neuen Ausdrucksmittel.“
Ich will dies an einem einfachen Beispiel illustrieren, nämlich einem handelsüblichen Handy. Es ist ja schon von Haus aus Fotoapparat und Video-Kamera. Doch mit entsprechenden Applikationen ausgestattet wird es ebenso zur Textverarbeitung, zum Aufnahmegerät, zum Mehrspurstudio, zur Sendeapparatur, kurz, zu einem Rundfunk- oder Fernsehstudio in Miniaturformat, mit dem sendefähige Beiträge erzeugt werden können. Potentiell wird damit jeder zum Produzenten, und sobald sich die vielen Produzenten noch mit einer technischen Sendezentrale verschalten, könnte dies auch die neuen Produktionsformen eines „freien Radios“ vorzeichnen. Die „Bastelei“, von der Guattari eingangs sprach, kann dann andere „Virtualitäten“ erzeugen, die sich den hegemonialen Mächten auch entziehen und sie unterbrechen können. Nichts nämlich legt ein Medium darauf fest, nur in einer Weise zu fungieren, die vom „semiotischen Operator“ des Kapitals festgelegt wäre. Anders verschaltet, kann es vielmehr zum Moment von „virtuellen Kampfstrategien“ werden, wie Foucault sie nannte. (5)

Mikrotechnologische Basteleien jedenfalls könnten neue Konstellationen hervorbringen, in denen Radiokorrespondenten zu Netzwerken einer alltäglichen und situativen Recherche finden. So könnten Sphären einer gesellschaftlichen Normalität durchquert werden, um deren Risse und Antagonismen zur Sprache zu bringen und in singulärer Pluralität neuen Radio-Ausdruck finden zu lassen. Unter gegenwärtigen Bedingungen jedenfalls macht es kaum noch Sinn, Begriffe der „Emanzipation“ so zu verwenden, wie man sie – meist auch noch unverstanden – aus Theoriebeständen der 60er Jahre bezog und seither als leere Worthülse vor sich herträgt. „Emanzipation“ muss unter heutigen medialen Bedingungen vor allem eine „molekulare“ und „technische“ Emanzipation sein, in der das Verschwiegene und Marginalisierte überraschend Ausdruck findet. Sie muss andere Verschaltungen medialer Möglichkeiten erfinden, um sich selbst neu zu erfinden und „subversiv“ in vielfachen Öffentlichkeiten zu bewegen, die das gesellschaftlich „Gefüge“ ausmachen.

Ich will hier abbrechen, doch abschließend einige Schlussfolgerungen ziehen, die sich daraus für ein „freies Radio“ ergeben könnten.

  • Es gibt nicht die „eine“ Öffentlichkeit, der eine „Gegenöffentlichkeit“ entgegenzusetzen wäre. Es gibt vielfache Öffentlichkeiten, die ineinander übergreifen, sich einander zum Inhalt machen, von Beweglichkeiten gekennzeichnet sind und beständig zu Interventionen herausfordern, die ein „freies Radio“ zu organisieren hätte;
  • Ein „freies Radio“ ist kein befriedeter Raum, kein Ort eines Rückzugs, an dem sich der nichtsnutzige Glaube pflegen ließe, zur Minderheit aufgeklärter Menschen zu gehören, die sich im Schrebergarten oder als kleines gallisches Dorf gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit stellen, um eine „Gegenöffentlichkeit“ zu erzeugen. Ein solches Radio bewegt sich vielmehr innerhalb vielfacher Öffentlichkeiten, es taucht in sie ein und sucht in ihnen jene Virtualitäten freizusetzen, die vom „semiotischen Operator“ des Kapitals und seiner „virtuellen Techniken“ abgetastet, besetzt und stillgestellt werden sollen. Dem antworten die „virtuellen Kampfstrategien“ eines solchen Radios, die solche Simulakra des „Virtuellen“ durchlaufen und mit Öffnungen übersäen;
  • Ein „freies Radio“ operiert mit allen Technologien, die ihm zu Gebote stehen, konstelliert sie neu und bewegt sich im Innern des gesellschaftlich-medialen Gefüges in Logiken einer Guerilla, die auf einer beständig anderen Verschaltung medialer Techniken aufsetzt und dies zum Ausgangspunkt überraschender Interventionen, Nadelstiche und begrenzter Angriffe macht. Marginal, wie diese Angriffe sind, wären sie jedoch ebenso der Ort, an dem sich Begriffe einer „Graphie“ und des Virtuellen mit dem berühren, was Guattari die „molekulare Revolution“ nannte. Und beständig, von Fall zu Fall neu wird seine einleitende Frage dabei beantwortet werden müssen, „ob es sich um ein Phänomen handelt, das ‚am Rande’ des Sozius (ganz gleich in welchem Umfang) bleibt, oder aber um eines, das ihn grundsätzlich in Frage stellt. Was hier das ‚Molekulare’ kennzeichnet, ist die Tatsache, dass die Fluchtlinien sich mit den objektiven Linien der Deterritorialisierung des Systems verbinden und ein unumkehrbares Streben nach neuen Räumen der Freiheit auslösen.“


(1) Félix Guattar: Planetarischer Kapitalismus, Berlin: Merve 2018, S.52.

(2) Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1978, S.69.

(3) Kurt H. Biedenkopf: Politik und Sprache, in: Hans Jürgen Heringer (Hg.), Holzfeuer im hölzernen Ofen, Tübingen: Narr 1982, S.191.

(4) Félix Guattari, ebd., S.24f.

(5) vgl. Michel Foucault: Subjekt und Macht, in: ders.: Schriften Bd.4, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005, S. 292.

Die klassische Utopie des Freien Radios

Von Julian Einfeldt (Vortrag auf dem FSK-Workshop #1 am 21.09.2018)

Hans-Joachim gibt in seinem Input zu bedenken, linkes Denken ginge von einem Außen aus und verlöre sich nicht in Selbstbezüglichkeiten. Das halte ich für richtig – allerdings denke ich, dass Innen und Außen im Freien Radio ein spezielles Verhältnis annehmen, weil Freies Radio dem Anspruch nach bemüht ist, den Widerspruch zwischen Innen und Außen aufzuheben, weil es ein neues Verhältnis zwischen Produzenten und Publikum schaffen möchte.

Die klassische Utopie des Freien Radios ist Brechts Forderung, das Radio vom Distributionsapparat zum Kommunikationsapparat umzuwandeln. Gegenüber der richtigen Analyse aus der Dialektik der Aufklärung, dass der Schritt vom Telefon zum Radio die Rollen in der Massengesellschaft klar geschieden habe, ist Brechts Anspruch die Negation auf ein höheres Level, die gleichberechtigte Kommunikation unter mehr als zwei Teilnehmer*innen.

Brechts Vorstellung allerdings hängt noch einem Glauben an die unbedingten Segnungen des technischen Fortschritts an, die nur wenig nach ihrer Formulierung von der Geschichte widerlegt werden sollte. Im „Lindberghflug“ einem Radio-Experiment, ordnete Brecht zwei dieser Apparate einander zu, das Radio und das Flugzeug, das in den 1920er-Jahren erstmals Non-Stop den Atlantik zu überfliegen in der Lage war. Nachdem Charles Lindbergh „den Hitlerschlächtern das Fliegen mit tödlichen Bomben zeigte“, benannte Brecht das Stück in „Ozeanflug“ um, der Name Lindhbergs sei künftig „ausgemerzt“. Jenseits dieser Damnatio Memoriae dessen, der den „Apparat“ missbraucht habe, hat Brecht die Rolle des technischen Apparates allerdings nicht weitergehend in seine Überlegungen einfließen lassen.

Brecht reflektiert insofern nur unzureichend, dass der Rundfunk in weiten Teilen von der Gesellschaft unterhalten wird, insofern auch in seiner „Ontologie auf die Gesellschaft vereidigt ist.“ (1)  Und dass darüber hinaus die Regression des Rundfunks als Propagandaapparat einerseits in der Eindirektionalität des Rundfunks angelegt ist, andererseits auch in der Gesellschaft selbst angelegt und nur durch die technische und künstlerische Aufhebung der Eindirektionalität nicht aufzulösen ist. Denn in einer Gesellschaft mit dem Bedürfnis zur Manipulation bietet der Rundfunk eben auch die Möglichkeit der Manipulation.

Dies scheint ein Gedanke, der ausgeführt und ein bisschen plastischer dargestellt werden muss, gerade in Anbetracht der technologischen Möglichkeiten, die Brecht vor nahezu einhundert Jahren nicht erahnen konnte und soll als Frage formuliert werden: Was unterscheidet Freies Radio als emanzipatorischen Gesellschaftsfunk von der Kommentarspalte bei Welt Online, dem Shitstorm bei facebook und der WhatsApp-Gruppe? Wie hebt sich Freies Radio von einer Welt der Postfaktizität ab?

Enzensberger meinte, „die Frage sei nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf habe daher nicht die Manipulateure zum Verschwunden zu bringen, sondern einen jeden zum Manipulateur zu machen.“ Enzensbergers Aussage ist richtig und falsch zugleich, weil sie zu kurz greift, die Manipulation zu sehr affirmiert. Jeden zum Manipulateur zu machen, hat in Zeiten von Instagram-Filtern, Pepe dem Frosch, 4chan und Meme-Generatoren eine geradezu dystopische Wendung erhalten:

Denn heute hat eine jede und ein jeder die Möglichkeit, Medien zu manipulieren. Eine gesellschaftliche Logik wird dadurch allerdings nicht durchbrochen, sondern auf die Spitze getrieben: Die 16-Jährige, die mittels Instagram-Filter ein vermeintliches Speckröllchen – und sei es nur ein zufälliger Schatten – an der Hüfte verschwinden lässt und es mit ihren Freund*innen und einer unüberschaubaren Menge an unbekannten Voyeuren teilt, ist Medienproduzentin, unterwirft sich gerade in dieser Medienproduktion aber einer höllischen und frauenfeindlichen Bewertungs- und Anerkennungsökonomie in der sozial medial vermittelten Welt. Sie manipuliert damit eine Menge gleichaltriger mit einem repressiven Schönheitsregime und es ist davon auszugehen, dass sie, wie alle anderen Gleichaltrigen selbst von diesem Schönheitsregime auf den Profilen der Anderen manipuliert wird.

Ich möchte an dieser Stelle nochmal aufgreifen, was Hans-Joachim am Zitat von Kurt Biedenkopf ausgeführt hat: „früher, so schrieb er, wurden Revolutionen eingeleitet, indem Kasernen, Rundfunksender, Bahnhöfe und Telefonzentralen besetzt wurden. Heute würden solche Revolutionen durch die Besetzung von Begriffen und Vorstellungen in Szene gesetzt, also medial.“

 Die Strategie eines Besetzens von Begriffen und Vorstellungen, anstatt Begriffe, Vorstellungen und Gegenentwürfe zu entwickeln, ist von vornherein autoritär angelegt. Eine linke Praxis, die darauf basiert und im Wesentlichen identitätspolitisch agiert, bekommt aktuell in vielen Teilen der Welt ihre Grenzen aufgezeigt: Von einer Identitätspolitik weißer, patriarchaler Männer im Verbund mit einer Identitätspolitik weißer, patriarchaler Frauen, die gerne vor den triebgesteuerten, übergriffigen Fremden beschützt werden wollen und ihrem Beschützer ein launiges „Grab her by the pussy!“ auch schonmal nachsehen mögen.

Die manipulativen Möglichkeiten der Medien haben in den letzten Jahren einen noch wesentlich deutlicheren Ausdruck erhalten, der eng mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck korrespondiert. Facebook hat vor einigen Jahren die Möglichkeit geschaffen, Beiträge nicht nur mit einem „Like zu markieren, sondern auch Herzchen oder Wut-Smileys auf Beiträge zu reagieren. Einige Boulevardblätter zogen schnell nach und bieten neben der obligatorischen Kommentarspalte nun auch an, auf einen Artikel nicht nur wütend oder lachend zu reagieren, sondern dies mit einem Klick darunter zum Ausdruck zu bringen. Was die Emotionen der Leser*innen statistisch messbar macht und dafür sorgt, Artikel noch stärker auf die Bedürfnisse der Fans von Cat Content und permanenter Empörung zuzuschneiden, bringt die gesellschaftliche Pogromstimmung zum Ausdruck. „300 Tote im Mittelmeer“ und 322 lachende Leser der MOPO sind gleichermaßen Ausdruck einer Barbarisierung von Gesellschaft.

Längst geht es nicht mehr um das bessere Argument, sondern um den Versuch, eine Abstimmung mit Smileys zu gewinnen. Eine Verständigung über Wahrheit und Unwahrheit findet nicht statt, es wird lediglich um die emotionale Besetzung von Themen gekämpft, um die Frage des erfolgreicher mobilisierbaren Narrativs.

Diese Veränderungen muss Freies Radio reflektieren, wenn es eine relevante Rolle im gesellschaftlichen Zusammenhang einnehmen will und das Außenverhältnis, die Frage, wer besser und schneller mehr negative Emotionen mobilisieren kann, nicht im Inneren und damit notwendig auch in der Sendepraxis verdoppeln will, sondern sich mit ihm auseinandersetzen.

Freies Radio hat hier den Vorteil, dass es ein Massenmedium ist und dadurch, dass es sich dem ökonomischen Druck zu Cat Content entziehen kann, in der Geschwindigkeit einen Schritt zurücktreten kann.

Dabei darf sich Freies Radio nicht selbst zur Gegenöffentlichkeit oder zum Community Radio machen und die Marginalisierung als Zugangsvoraussetzung nehmen, sondern im Freien Radio müssen inhaltliche Diskussionen über Gesellschaft führbar sein. Es geht nicht primär darum, die Hörenden zu Sendenden zu machen, sondern sich über die Inhalte zu verständigen, die gesendet werden sollen. Daher nur so als Vorschlag:

Freies Radio muss der Klassenkameradin und dem Klassenkameraden der oben erwähnten, fiktiven 16-Jährigen die Möglichkeit geben, sich kritisch auf gesellschaftliche Schönheitsnormen zu beziehen und zu thematisieren, wie einem Fitness-Hype und Instagram die Lust auf Pizza rauben können. Es muss Menschen einbinden, die eine Diskussion über die ambivalente Rolle von Alevit*innen im Völkermord an den Armeniern anstoßen wollen, es muss Dorfantifas aus Wrist eine Möglichkeit geben, über ihre Politik zu sprechen.

Zentral muss Freies Radio aber ein Raum sein, in dem diese Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit gleichberechtigt miteinander sprechen können und sich über Inhalte, Gemeinsamkeiten und Unterschiede verständigen. Denn nur in der inhaltlichen Auseinandersetzung und Verständigung liegt die Chance, so etwas wie Öffentlichkeit überhaupt zu schaffen. Wir sollten Freies Radio von daher nicht als Instrument einer Gegenöffentlichkeit begreifen, sondern als eine Chance, so etwas wie Öffentlichkeit herzustellen, die dadurch entstht, dass inhaltlich aufeinander Bezug genommen wird.

Und da ich ja sagte, Enzensberger habe auch Recht gehabt: Es kann nicht darum gehen, die Manipulateure zum Verschwinden zu bringen. In jedem von uns schlummert der berechtigte Wunsch, sich mit einem Insta-Filter besser verkaufen zu wollen. Freies Radio sollte den Rahmen bieten, über solche Verhältnisse gemeinsam nachzudenken, es setzt als Sendende keine Super- Subjekte voraus, sondern Menschen, die nicht wollen, dass es so bleibt, wie es ist und sich fragen, wie es anders besser geht.

Der heutige Workshop soll einen Teil dazu beitragen, dass wir damit endlich anfangen.


(1) Erziehung zur Mündigkeit, wenn auch bezogen auf das Fernsehen