Öffentlichkeit und „freie Radios“

Von Hans-Joachim Lenger (Vortrag auf dem FSK-Workshop #1 am 21.09.2018)

Ich will mit einem Zitat beginnen. Es stammt aus einer kleinen Aufsatzsammlung, die vor kurzem bei Merve in Berlin erschienen ist und Texte des französischen Psychoanalytikers, Philosophen und politischen Aktivisten Félix Guattari enthält. Ihr Titel: Planetarischer Kapitalismus. Von einigen wenigen Sätzen ausgehend, die ich diesem Band entlehne, will ich versuchen, Motive des „Marginalen“ aufzunehmen und Anmerkungen zum Begriff der Öffentlichkeit zu machen, um von hier aus Fragen zu thematisieren, die auch das FSK betreffen könnten. Wir werden sehen, wie weit wir damit kommen. Bei Guattari jedenfalls lesen wir:

„Es ist unmöglich, eine klare und definitive Trennlinie zwischen der vereinnahmbaren Marginalität und den anderen Typen der Marginalität, die den Weg der wirklichen ‚molekularen Revolutionen’ einschlagen, zu ziehen. Die Grenzen bleiben hier in Raum und Zeit tatsächlich unscharf und fließend. Es geht letzten Endes darum, ob es sich um ein Phänomen handelt, das ‚am Rande’ des Sozius (ganz gleich in welchem Umfang) bleibt, oder aber um eines, das ihn grundsätzlich in Frage stellt. Was hier das ‚Molekulare’ kennzeichnet, ist die Tatsache, dass die Fluchtlinien sich mit den objektiven Linien der Deterritorialisierung des Systems verbinden und ein unumkehrbares Streben nach neuen Räumen der Freiheit auslösen. (Beispiel für eine solche Fluchtlinie: die freien Radios. Die technologische Entwicklung, insbesondere die Verkleinerung der Sender und die Tatsache, dass sie von Amateuren ‚gebastelt’ werden können, trifft hier auf ein kollektives Streben nach einem neuen Ausdrucksmittel.“ (1)

Nun, Guattaris Begriff des „Molekularen“ kann ich heute nur streifen. Vielleicht wäre es sinnvoll, ihn in einem der Workshops genauer zu problematisieren, die in Zukunft stattfinden sollen. Heute aber werde ich mich auf das konzentrieren, was Guattari mit seinem Hinweis auf die „technologische Entwicklung“ anspricht, die Tatsache der Miniaturisierung im Zeichen digitaler Schaltungen also und die Möglichkeit, Sendeanlagen zu „basteln“. Denn was bedeutet eine solche „Bastelei“ für unsere Gegenwart und für die Aufgaben, vor denen „freie Radios“ wie das FSK stehen? Welche Relevanz kann eine solche „Bastelei“ für eine Radiopraxis haben, die – mit Vorsicht ausgesprochen – „subversive“ Wirkungen freisetzen könnte?

Technologische Fragen jedenfalls korrespondieren aufs engste mit dem Begriff der Öffentlichkeit. Denn Medientechniken stellen Öffentlichkeiten erst her – auch ein Radiosender ist zunächst ein technisches Medium, das sich in der Öffentlichkeit bewegt, Öffentlichkeit erzeugt und selbst öffentlichen Charakter trägt. Fatalerweise ist dies im FSK in den vergangenen Monaten, vielleicht sogar Jahren in den Hintergrund getreten. Es scheint, als habe sich das FSK stattdessen in einer Art Selbstbezüglichkeit Einzelner verloren, als habe es sich vehement vom Öffentlichen zurückgezogen, in gewisser Weise privatisiert, dabei notwendig zersplittert und ginge selbst in einer egozentrischen Nabelschau einzelner auf, die mit quälenden internen Blockaden einhergeht. Umso mehr aber müssten Fragen der Öffentlichkeit und einer öffentlichen Wirkung des Senders wieder in den Vordergrund treten, müsste man ihn als Medium erneut auf seinen eigenen Begriff bringen. Und das heißt: vom „Außen“ auszugehen, nicht von der je eigenen Befindlichkeit, und dieses Medium öffentlich wirksam werden lassen, indem man es in eine offensive Sendepraxis zurückführt.

Zurück aber zunächst zu einigen technischen Fragen. Selbst ein Theoretiker wie Jürgen Habermas musste sie zumindest streifen, wenn er in seinem Buch über den Strukturwandel der Öffentlichkeit von 1962 schreibt: „Der Prozess, in dem die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit vom Publikum der räsonnierenden Privatleute angeeignet und als eine Sphäre der Kritik an der öffentlichen Gewalt etabliert wird, vollzieht sich als Umfunktionierung der schon mit Einrichtungen des Publikums und Plattformen der Diskussion ausgestatteten literarischen Öffentlichkeit. Durch diese vermittelt, geht der Erfahrungszusammenhang der publikumsbezogenen Privatheit auch in die politische Öffentlichkeit ein.“ (2) Die technischen Plattformen dieser literarischen Öffentlichkeit aber waren im ausgehenden 18. Jahrhundert Zeitschriften und eine beginnende Presse, das Medium dieser Öffentlichkeit also allemal Schrift, Schreiben und Druckwerk. In dem, was heute „Feuilleton“ heißt, haben sich letzte Spuren dieser Konstellation noch erhalten. Noch im 19. Jahrhundert war das Feuilleton nicht so sehr der Ort für Buchbesprechungen und Konzertkritiken wie heute, sondern bot Platz für ein öffentliches Räsonnement, das alle kulturellen und politischen Bereiche durchquerte und ein lesendes Publikum zur bürgerlichen Öffentlichkeit erst formte. Heute sind solche Elemente natürlich nur noch vereinzelt zu finden, und verfolgt man die Schicksale des Feuilletons in heutigen Print- und elektronischen Medien, so befinden sie sich allemal auf einem ökonomisch und medienpolitisch erzwungenen Rückzug.

Dessen ungeachtet blieb ein aufs Schreiben, auf Zeitschrift und Presse eingeengter Begriff von Öffentlichkeit bis heute vorherrschend. Vielleicht lässt er sich wie in einer Momentaufnahme in den späten 60er Jahre studieren, als sich eine Revolte gegen die BILD-Zeitung kehrte und an ihr exemplarisch den Kollaps einer auf alphaphonetischer Schrift beruhenden Öffentlichkeit angriff. „Enteignet Springer“ also – denn längst gab sich diese Medialität einer Presse nicht mehr als Sphäre öffentlichen Räsonnements im bürgerlichen Sinne, sondern als offener Pogrom zu erkennen. Definitiv hatte sich das utopische Versprechen einer bürgerlichen Öffentlichkeit hier längst in sein Gegenteil verkehrt. Insofern wäre die Annahme nicht einmal verfehlt, dass sich in den damaligen Konflikten um den Springer-Konzern ein mehrfacher Abgesang auf jene technischen Medialitäten wiederholte, auf denen der Begriff einer bürgerlichen Öffentlichkeit als Druckschrift einst basierte. Hans-Jürgen Krahl, wohl wichtigster Theoretiker des damaligen SDS, hat nicht von ungefähr über die Revolte als die „Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums“ gesprochen. Was hier nämlich starb, war eine an literarischer Medialität gebildete Subjektivität.

Sieht man von vereinzelten Reflexionen, etwa denen Hans Magnus Enzensbergers, ab, vergaßen die Revoltierenden der 60er Jahre bei all dem jedoch die vielen medientechnischen Revolutionen, die sich im 19. Jahrhundert bereits angekündigt und im 20. Jahrhundert durchgesetzt hatten. Ohne die prägende Macht von Organen wie der BILD-Zeitung zu unterschätzen, hatten diese Revolutionen längst eine Vielheit von Öffentlichkeiten entstehen lassen, die sich auf einen tradierten Schriftbegriff nicht mehr stützten und das Pressewesen mittlerweile selbst krisenhaft erodieren ließen. Die Rede ist hier natürlich von elektronischen Medien, Radio, Fernsehen und schließlich dem Internet, deren technische Voraussetzungen im 19. Jahrhunderts geschaffen wurden und im 20. Ihren Siegeszug antraten – doch dazu später.

Zuvor nämlich wäre der Schriftbegriff selbst zu befragen, von dem auch ich bislang einigermaßen sorglos Gebrauch machte. Denn was erlaubt es, ihn auf das gedruckte Wort zu reduzieren? Meldet sich in Begriffen wie Tele-Grafie, Phono-Grafie, Foto-Grafie oder Kinemato-Grafie nicht beständig an, dass man es auch bei diesen technischen Medien mit einer „Grafie“ zu tun hat, die auf das griechische Wort gráphein, also auf ein Schreiben und die Schrift, zurückverweist? Und gerät ein Diskurs, der sich auf die alphaphonetische Schrift reduziert, wie sie Druckwerken eignet, deshalb nicht in eine bestimmte Falle? Fällt er nicht immer neu in Begriffe einer bürgerlichen Öffentlichkeit zurück, die sich einst als alphaphonetische Schriftkultur etablierte und deren Zerfall auch Habermas bereits für das 19. Jahrhundert nachzeichnet? Anders gefragt: artikuliert sich im vielfachen Auftauchen einer technischen „Grafie“ nur eine terminologische Verlegenheit, ein bloßer Zufall, oder signalisiert sich hier nicht vielmehr die Notwendigkeit, den Schriftbegriff aus seiner alphaphonetischen Umklammerung zu befreien, wie sie Druckerzeugnisse und bürgerliche Öffentlichkeiten definiert? Kurz: ginge es nicht darum, den „allgemeinen“ Begriff einer Graphematik ins Auge zu fassen, der umso tiefer in das Wesen des Medialen und seiner Heterogenitäten vordringen könnte? Ich werde darauf zurückkommen.

Vielleicht ist hier aber zunächst ein kurzer Hinweis auf medientheoretische Entwicklungen sinnvoll. Die Interventionen, die nicht zuletzt auf Marshall McLuhan zurückgehen, haben seit den 50er Jahren auch theoretisch Öffnungen geschlagen, hinter die nicht zurückgefallen werden dürfte. Nicht nur befreite McLuhan Begriffe des Medialen – und damit des Öffentlichen – aus ihrer Gefangenschaft in dem „einen“ Medium des alphaphonetisch Geschriebenen, also einer Buch- und Zeitschriftenkultur. Mehr noch lud er damit zugleich dazu ein, den Begriff der „einen“ Öffentlichkeit, die sich auf der Basis des Gedruckten erhob, aufzulösen und selbst als bürgerliches Phantasma durchschaubar zu machen. In seinem Buch Die magischen Kanäle. Understanding Media jedenfalls sieht sich der Medienbegriff auf elementare Weise geöffnet, um nicht zu sagen: „zersprengt“. McLuhan behandelt hier technische Strukturen, die gemeinhin gar nicht als „Medien“ adressiert werden. Nicht also nur das gesprochene Wort und das geschriebene Wort, sondern ebenso die Straßen und Nachrichtenwege, Kleidung, Wohnen, Geld, Uhren, den Druck, die Comics, das gedruckte Wort, Rad, Fahrrad und Flugzeug, die Fotografie, die Presse, das Auto, die Werbung, Spiel und Sport, die Telegrafie, die Schreibmaschine, das Telefon, das Grammophon, das Kino, das Radio, das Fernsehen, Waffen und Automaten.

All dies nämlich sind Medien, denn sie stellen Beziehungen „zwischen“ den Individuen her. Technisch-medial überbrücken sie den Abstand, der sie trennt, und stellen damit Verbindungen her, in denen sich die vielfachen Öffentlichkeiten eines Sozius formen. Die heterogenen Formen jedenfalls, in denen dies jeweils geschieht, machen jede Vorstellung eines einheitlichen Sozius, einer homogenen Öffentlichkeit obsolet. Viel eher wölbt sich das Phantasma der „einen“ Öffentlichkeit wie ein spätbürgerliches Herrschaftsprogramm über die Vielheiten, Korpuskel, heterogenen Regionalitäten diverser Öffentlichkeiten, die beständig ineinandergreifen, sich überschneiden und ineinander zirkulieren, ohne deshalb eine geschlossene Ganzheit zu bilden. Und dies ist ebenso in medialen Technologien begründet.

Nicht weniger entscheidend dürfte nämlich eine zweite Einsicht McLuhans sein, und ich greife sie hier auf, weil sie auch Anschlüsse an das erlauben könnte, was ich eingangs bei Guattari zitierte. Diese Einsicht lautet: „Der Inhalt eines Mediums ist stets ein anderes Medium“. So zitiert die alphaphonetische Schrift das gesprochene Wort ebenso wie das Bild. So enthält der Film die Musik, die mündliche Sprache, das Bild und das Theater, die CD den Konzertsaal oder der Rundfunk alle Medien, die sich irgend hörbar machen lassen. So hat das Geld das Kapital zu seinem Inhalt und umgekehrt, die neuen Überwachungstechnologien der LKW-Maut den Straßenverkehr, das Steuersystem und die Verkehrspolitik, und im Computer schließlich findet diese Logik ihren abschließenden Ausdruck. Denn der Computer ist in sich selbst kein „eigenes“ Medium mehr. Er ist jene „universelle Maschine“, die jedes andere Medium simulieren kann – das Tonstudio etwa, die Filmkamera, die Schreibmaschine, das Telefon oder die Post, doch ebenso die Maschine im industriellen Produktionsprozess, die Geldzirkulation auf globaler Ebene oder auch die Überwachungs- und Kontrollfunktionen der Polizei, die öffentliche Räume ebenso übergreifen wie die Intimsphären der Einzelnen.

Vielfach und zumeist irreführend werden mit der Hegemonie digitaler Mediensysteme und von ihnen generierter Öffentlichkeiten zugleich Begriffe mobilisiert, die für große Verwirrung gesorgt haben. Es sind dies Begriffe des „Virtuellen“ und „virtueller Welten“. Tatsächlich unterliegen die vielfachen Öffentlichkeiten, mit denen wir es heute zu tun haben, gewaltigen Schüben einer gewissen Virtualisierung. Wo Welt erscheint, da erscheint sie medial. Medien, heißt das, reflektieren immer weniger „über“ Wirklichkeiten. Vor allem stellen sie her, was als „Wirklichkeit“ erscheint. Und dies haben die reaktionären Kräfte besser zu nutzen gewusst als die „linken“. Kurt Biedenkopf etwa, früher Generalsekretär der CDU und später sächsischer Ministerpräsident, veröffentlichte in den 70er Jahren einen bemerkenswerten Aufsatz, in dem er diese Virtualisierung zu Strategien einer Machtergreifung zuspitzte. „Sprache“, so schrieb Biedenkopf, „ist also nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Wie die Auseinandersetzung mit der Linken zeigt, ist Sprache auch ein wichtiges Mittel der Strategie. Was sich heute in unserem Land vollzieht, ist eine Revolution neuer Art. Es ist die Revolution der Gesellschaft durch die Sprache. Die gewaltsame Besetzung der Zitadellen staatlicher Macht ist nicht länger Voraussetzung für eine revolutionäre Umwälzung der staatlichen Ordnung. Revolutionen finden heute auf andere Weise statt.“ (3) Denn früher, so schrieb er, wurden Revolutionen eingeleitet, indem Kasernen, Rundfunksender, Bahnhöfe und Telefonzentralen besetzt wurden. Heute würden solche Revolutionen durch die Besetzung von Begriffen und Vorstellungen in Szene gesetzt, also medial. Was wir in den vergangenen Jahrzehnten medienpolitisch erlebt haben, könnte tatsächlich wie eine Realisierung dieser Strategien einer Gegenrevolution erscheinen, an deren vorläufigem Ende heute ein Revival des Rechtsradikalismus und vielfacher Faschismen steht.

Fast widerstandslos jedenfalls ging seit den 70er Jahren und im Zuge einer Durchsetzung ultraliberaler ökonomischer Regimes auch eine techno-politische Formierung vielfacher Medienverbundsysteme vor sich, mit denen Öffentlichkeiten im Zeichen herrschaftlich gesättigter Trugbilder neu geformt wurden, und zwar medial. Die Einführung des Privatfernsehens, die Verwandlung des Internets in eine gewaltige Verkaufsplattform, die Transformation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens in formatierte Programm-Generatoren, die den Alltag mit akustischen Klangtapeten, Bildern eines ultramodernen Lifestyles oder idiotischen Shows ausstatten, oder die Miniaturisierung der Kommunikation in Handys, die ihren Benutzern zum Fetisch eines Eintritts in vermeintlich transzendente Welten der Simulation wurden, senkten sich tief in die körperliche und geistige Verfassung der Unterworfenen und ihrer Affekte ein. Medien wurden zu mächtigen Instrumenten der Kontrolle und Selbstkontrolle, und zugleich erlaubte sie es, alle Begriffe des Öffentlichen, des Politischen und Kulturellen tiefgreifend zu verschieben. War der Begriff der „Reform“ beispielsweise in den 70er Jahren noch ein Versprechen, so mutierte er in den 80er Jahren zur Drohung. Besaßen Termini wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ zuvor noch ein kritisches Potential, so verwandelten sie sich in Programmslogans von Kriegen, die ganze Weltgegenden destabilisierten und eine neue Weltordnung mit blutigem Antlitz herstellen halfen. All dies vollzog sich in Öffentlichkeiten, die von Medienverbundsystemen seditiert, um den Verstand gebracht und neu geformt wurden. Unablässig drangen ihre „Mächte eines Virtuellen“ in die Poren dieser Öffentlichkeiten ein, entwaffneten sie und unterwarfen sie der Logik vehementer Konkurrenz- und Deklassierungsprozesse. Unablässig durchqueren sie seither die Mikrologien des Alltagslebens und unterwerfen es dem Regime von Trugbildern, die ihren Benutzern versprechen, auf der Höhe einer Zeit zu sein, die ihre Selbstunterwerfung umso massiver in Szene setzt.

Félix Guattari hat in seinem eingangs erwähnten Büchlein vier technisch-ökonomische oder auch mediale Zusammenhänge kartographiert, die er „Agencements“ nennt. Das erste dieser „Agencements“, schreibt er, sind die „kapitalistischen Machtformationen, die ein Kapital zur Aufrechterhaltung der Ordnung erwirtschaften“; das zweite „die maschinischen Agencements, die mit den Produktivkräften zusammenhängen und konstitutiv für das fixe Kapital sind (Maschine, Fabrik, Transport, Rohstoffreserve, Kapital an technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen, maschinische Steuerungstechniken, Ausbildungsinstrumente, Laboratorien usw.)“; das dritte sind „die Gesamtarbeitskraft und alle von der kapitalistischen Macht unterworfenen gesellschaftlichen Beziehungen“; und das vierte ist „das Netz von Einrichtungen, von staatlichen und parastaatlichen Apparaten der Macht und der Medien. Dieses Netz, das sich ebenso im mikrosozialen Maßstab wie im planetarischen Maßstab verzweigt, ist zu einem wesentlichen Teil des Kapitals geworden. Im Verhältnis zu den drei vorangegangenen Komponenten ermöglicht dieses Netz das Extrahieren und Integrieren von Kapitalisierungen der Macht in einem bestimmten Sektor.“ (4)

Medien sind insofern nichts, was einem Marx`schen „Überbau“ zugeordnet werden könnte – und dies ebenso wenig, wie die „Öffentlichkeiten“, die sie erzeugen, einen solchen „Überbau“ darstellen. Medien gehören vielmehr selbst zum produktiven Korpus ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Wirklichkeiten. Sie stellen Techniken dar, die diese Wirklichkeiten von Produktion und Aneignung ebenso wie öffentliche Segmente hervorbringen wie allgegenwärtig durchdringen – als gesprochenes und geschriebenes Wort, als Straßensysteme und Nachrichtenwege, als Kleidung, Wohnen, Geld, Uhren, als Druck, als Comic, Fahrrad und Flugzeug, als Fotografie, Presse, als Auto, Werbung, Spiel und Sport, als Telegrafie, Schreibmaschine, Telefon, als Grammophon, Kino, Radio, Fernsehen, als Waffen und Automaten, nicht zuletzt aber als digitale Netzstruktur, die den Globus überspannt und zugleich tief in die Intimitäten des Mikrologischen eindringt. Ihre Macht beziehen Medien aus der Durchschlagskraft, mit der sie sich immer andere Medien als ihren Inhalt anverwandeln und damit ein geschlossenes System des Kapitals herzustellen suchen, das sich in vielfache Öffentlichkeiten aufspreizt, die vom Kapital als ihrem „semiotischen Operator“ durchdrungen werden, wie Guattari schreibt.

Aber so sehr Medien damit Gewalten einer beständigen Reterritorialisierung darstellen, so sehr setzen sie zugleich unausgesetzt Deterritorialisierungen frei. Denn so sehr sie die Beziehungen der gesellschaftlich Einzelnen zu okkupieren suchen, das „Zwischen“ auszufüllen und zu reglementieren trachten, das immer neu unter ihnen aufreißt, so wenig werden technische Instrumente dieses „Zwischen“ doch Herr. Jede technische Schaltung lässt sich anders verschalten und in Relationen versetzen, die das geschlossene Territorium porös werden und möglicherweise aufreißen lassen. Und hier käme der Begriff eines anderen „Virtuellen“ zum Zuge, das sich den Verfügungen hegemonialer Medienmächte entziehen könnte. So zumindest ließe sich Guattari auch verstehen, wenn er schrieb: „Die technologische Entwicklung, insbesondere die Verkleinerung der Sender und die Tatsache, dass sie von Amateuren ‚gebastelt’ werden können, trifft hier auf ein kollektives Streben nach einem neuen Ausdrucksmittel.“
Ich will dies an einem einfachen Beispiel illustrieren, nämlich einem handelsüblichen Handy. Es ist ja schon von Haus aus Fotoapparat und Video-Kamera. Doch mit entsprechenden Applikationen ausgestattet wird es ebenso zur Textverarbeitung, zum Aufnahmegerät, zum Mehrspurstudio, zur Sendeapparatur, kurz, zu einem Rundfunk- oder Fernsehstudio in Miniaturformat, mit dem sendefähige Beiträge erzeugt werden können. Potentiell wird damit jeder zum Produzenten, und sobald sich die vielen Produzenten noch mit einer technischen Sendezentrale verschalten, könnte dies auch die neuen Produktionsformen eines „freien Radios“ vorzeichnen. Die „Bastelei“, von der Guattari eingangs sprach, kann dann andere „Virtualitäten“ erzeugen, die sich den hegemonialen Mächten auch entziehen und sie unterbrechen können. Nichts nämlich legt ein Medium darauf fest, nur in einer Weise zu fungieren, die vom „semiotischen Operator“ des Kapitals festgelegt wäre. Anders verschaltet, kann es vielmehr zum Moment von „virtuellen Kampfstrategien“ werden, wie Foucault sie nannte. (5)

Mikrotechnologische Basteleien jedenfalls könnten neue Konstellationen hervorbringen, in denen Radiokorrespondenten zu Netzwerken einer alltäglichen und situativen Recherche finden. So könnten Sphären einer gesellschaftlichen Normalität durchquert werden, um deren Risse und Antagonismen zur Sprache zu bringen und in singulärer Pluralität neuen Radio-Ausdruck finden zu lassen. Unter gegenwärtigen Bedingungen jedenfalls macht es kaum noch Sinn, Begriffe der „Emanzipation“ so zu verwenden, wie man sie – meist auch noch unverstanden – aus Theoriebeständen der 60er Jahre bezog und seither als leere Worthülse vor sich herträgt. „Emanzipation“ muss unter heutigen medialen Bedingungen vor allem eine „molekulare“ und „technische“ Emanzipation sein, in der das Verschwiegene und Marginalisierte überraschend Ausdruck findet. Sie muss andere Verschaltungen medialer Möglichkeiten erfinden, um sich selbst neu zu erfinden und „subversiv“ in vielfachen Öffentlichkeiten zu bewegen, die das gesellschaftlich „Gefüge“ ausmachen.

Ich will hier abbrechen, doch abschließend einige Schlussfolgerungen ziehen, die sich daraus für ein „freies Radio“ ergeben könnten.

  • Es gibt nicht die „eine“ Öffentlichkeit, der eine „Gegenöffentlichkeit“ entgegenzusetzen wäre. Es gibt vielfache Öffentlichkeiten, die ineinander übergreifen, sich einander zum Inhalt machen, von Beweglichkeiten gekennzeichnet sind und beständig zu Interventionen herausfordern, die ein „freies Radio“ zu organisieren hätte;
  • Ein „freies Radio“ ist kein befriedeter Raum, kein Ort eines Rückzugs, an dem sich der nichtsnutzige Glaube pflegen ließe, zur Minderheit aufgeklärter Menschen zu gehören, die sich im Schrebergarten oder als kleines gallisches Dorf gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit stellen, um eine „Gegenöffentlichkeit“ zu erzeugen. Ein solches Radio bewegt sich vielmehr innerhalb vielfacher Öffentlichkeiten, es taucht in sie ein und sucht in ihnen jene Virtualitäten freizusetzen, die vom „semiotischen Operator“ des Kapitals und seiner „virtuellen Techniken“ abgetastet, besetzt und stillgestellt werden sollen. Dem antworten die „virtuellen Kampfstrategien“ eines solchen Radios, die solche Simulakra des „Virtuellen“ durchlaufen und mit Öffnungen übersäen;
  • Ein „freies Radio“ operiert mit allen Technologien, die ihm zu Gebote stehen, konstelliert sie neu und bewegt sich im Innern des gesellschaftlich-medialen Gefüges in Logiken einer Guerilla, die auf einer beständig anderen Verschaltung medialer Techniken aufsetzt und dies zum Ausgangspunkt überraschender Interventionen, Nadelstiche und begrenzter Angriffe macht. Marginal, wie diese Angriffe sind, wären sie jedoch ebenso der Ort, an dem sich Begriffe einer „Graphie“ und des Virtuellen mit dem berühren, was Guattari die „molekulare Revolution“ nannte. Und beständig, von Fall zu Fall neu wird seine einleitende Frage dabei beantwortet werden müssen, „ob es sich um ein Phänomen handelt, das ‚am Rande’ des Sozius (ganz gleich in welchem Umfang) bleibt, oder aber um eines, das ihn grundsätzlich in Frage stellt. Was hier das ‚Molekulare’ kennzeichnet, ist die Tatsache, dass die Fluchtlinien sich mit den objektiven Linien der Deterritorialisierung des Systems verbinden und ein unumkehrbares Streben nach neuen Räumen der Freiheit auslösen.“


(1) Félix Guattar: Planetarischer Kapitalismus, Berlin: Merve 2018, S.52.

(2) Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1978, S.69.

(3) Kurt H. Biedenkopf: Politik und Sprache, in: Hans Jürgen Heringer (Hg.), Holzfeuer im hölzernen Ofen, Tübingen: Narr 1982, S.191.

(4) Félix Guattari, ebd., S.24f.

(5) vgl. Michel Foucault: Subjekt und Macht, in: ders.: Schriften Bd.4, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005, S. 292.

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